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In flagranti

Perspektiven einer Momentaufnahme: Darstellungen einzelner Gesichtspartien in starker Nahsicht, Linien und Schraffuren von Pastellstiften, die die Züge der Zeit nachziehen; Ausschnitte eines weiblichen Antlitzes in expressiver Mimik, die keine geschönten Betrachtungen verlangen. Das sind nur einige Merkmale der Serie in flagranti der Künstlerin Sibylle Gieselmann.

Es handelt sich hier um eine Graphikserie, die, so wie der Titel suggeriert, akkurat oder „auf frischer Tat“ entstanden ist. Gemeint jedoch ist die Art der Beobachtung, nicht der Ausführung, denn die Arbeiten sind alles andere als schnell angelegte Farbstudien. Mit ausgesuchten Pastellstiften formuliert die Künstlerin ihre Gesichtszüge. Sie wählt eine warme Farbpalette, die die Direktheit der Darstellung mindert und den Betrachter auf die Essenz der Zeichnung, eine intensive Auseinandersetzung mit graphischen Techniken in Ausführung und Komposition hinweist. So fein und genau diese Werke auch ausformuliert sind, die Künstlerin weiß das Material so einzusetzen, dass das Sujet sich nie von der zeichnerischen Abbildungsfunktion löst. Vor allem die Ausschnitthaftigkeit und die unterschiedlichen Perspektiven verleihen der Zeichenserie eine eigene Dynamik. Gezielt ausgesucht präsentieren sich die ausgewählten Sequenzen wie Einzeleinstellungen einer filmischen Szene. In Serie betrachtet erzählen sie eine Geschichte, die der Betrachter selbst durch ein Davor und Danach ergänzen kann.

Im Mittelpunkt der Zeichnungen steht die Künstlerin, die in unerschrockener Selbstdarstellung den Blick auf sich selbst richtet aber auch den Blick der Anderen analysiert. Die Auseinandersetzung mit dem Selbst ein allgemeines Charakteristikum in der künstlerischen Praxis von Sibylle Gieselmann dar. Der Fokus liegt allerdings nicht auf Konfrontation, sondern immer in der Erkundung von Materialität und Introspektion.

Silvia Müllegger
Kunsthistorikerin, Wien, 2020

Storytelling Katalog 2018 –   PDF-Katalog-Gieselmann

Storytelling nennt Sibylle Gieselmann ihre Publikation. Das ist stimmig, denn ihre Werke erzählen Geschichten, vermitteln dem Betrachter, der Betrachterin explizites, aber vor allem implizites Wissen. Sie fordern sie auf den Handlungsablauf, die Metapher zu erfassen und die darin enthaltene Weisheit zu verstehen. Storytelling ist eine Methode aus der narrativen Psychologie. Sie wird als therapeutische Technik verwendet, wobei die Empfänger eine partizipative Rolle einnehmen. Man geht dabei davon aus, dass Menschen sich selbst und ihre Umwelt über Geschichten definieren und erklären. Bekannt ist die Methode aus den Bereichen Marketing, PR und Werbung. Also überall dort wo durch den Einsatz von Geschichten Informationen vermittelt werden sollen. Aber auch im Filmbereich, bei der Drehbuchentwicklung, wird Storytelling angewendet. 

Bei Sibylle Gieselmann merkt man die Nähe zum Film, nicht nur in Bezug auf den Titel. In ihren gesamten Arbeiten finden sich Momente, die dem filmischen entliehen scheinen. In allen Werkserien schildert sie Geschichten, Episoden und Interaktionen und es scheint oft der dramaturgische Höhepunkt zu sein, den sie uns vor Augen hält. Dabei ist es gerade der Blick auf das Alltägliche und häufig Unspektakuläre, das im wörtlichen Sinn Naheliegende, das ihr die Motive ihrer Bilder liefert. Hemden, Kissen, Flaschen, Stühle (…) Alltagsgegenstände sind die Protagonisten ihrer Bildgeschichten.
Man spürt aber auch ihre Nähe zur Psychologie. Ihre Auseinandersetzung mit der Innenwelt, den Gefühls- aber auch Körperempfindungen. Man ist geneigt von „Körperbildern“ zu sprechen, wenn man Werke wie „Mein Hemd“  oder „Mein & Dein Hemd“ betrachtet. Bei Arbeiten wie diesen bindet sie den Betrachter und die Betrachterin besonders tief ein. Das Hemd auf der Leinwand erzeugt persönliche Assoziationen, es berührt, wird zum eigenen Selbst, und gleichzeitig auch zu dem der Begleitung. „Mein Hemd“ wird zum Hemd des Be-trachters, evoziert eigene Geschichten und ist dabei als geschlechtsneutral zu betrachten. Tragbar von Mann wie Frau. „Mein“ und „Dein“ schließt kein Geschlecht aus. Ein Moment, der ihr sehr wichtig ist. 

Sibylle Gieselmann arbeitet nach fotografischen Vorlagen, füllt Sand in Hemden, befüllt Wasserflaschen, Gläser, positioniert und fotografiert sie. Ihre Malweise ist annähernd fotorealistisch und die Ausführung der Bilder subtil und präzise zugleich. Geschickt bedient sie sich dabei des künstlerischen Darstellungsmittels des Schattens. Ein Thema, das sich auch in ihren Flaschen- und Gläserserien widerspiegelt. Massenprodukte also, antiromantisch, werden von ihr in ein rätselhaft romantisches Licht gesetzt. Werke wie „Two bottles of Orosei“ oder „in vitro“, um nur zwei zu nennen, bezeugen dabei eindringlich sowohl das Studium der Künstlerin von Licht und dessen Reflexionen sowie ihre Faszination für durchscheinende Materialien wie Glas und Wasser.
Feine Übergänge und Nuancen, wie zwischen Hell und Dunkel oder der Verlauf von Farben in Licht- und Schattenzonen sind besonderes Thema dieser Arbeiten. Sie ermöglichen es Sibylle Gieselmann auf sensible Weise auf den durchaus auch subversiven Charakter dieser Gegenstände hinzuzeigen. Die Schatten bilden für sie dabei eigenständige Objekte, die wiederum als Metapher für den (betrachtenden) Menschen zu lesen sind. Ein Ansatz der sich auch in Arbeiten wie „I have a dream“ wiederfindet.
Überall und immer braucht es den Menschen um ihre Geschichten zu komplementieren. Erinnerung an einen Traum. Oder an Träume, die auch leicht zerplatzen und zu Wut, Angst, Entsetzen führen können. Auch Momente wie diese findet man in ihrem Werk. Hier bedient sie sich ihres eigenen Körpers, stellvertretend für die Körper aller Frauen. Wandelt die Ohnmacht in Stärke, tituliert die Arbeiten mit „Ursa Major“, die große Bärin. Größter und hellster offener Sternhaufen am nächtlichen Himmel ebenso wie Sinnbild für Kraft. 

Eine besondere Rolle in ihrem Œuvre spielt die Darstellung von Stühlen. In ihrer Pastell-Serie „Zwischen den Stühlen“ verleiht sie ihnen eine besondere Bedeutungsebene indem sie sie in Kommunikation miteinander setzt, sie dadurch geradezu vermenschlicht. Streit, Ausschluss, Einsamkeit, Machtverhältnisse, Freundschaft, Liebe (…) unterschiedlichste menschliche Beziehungen lassen sich aus diesen Bildern lesen.
Und wieder – Schatten… Wieder diese subtile zweite Bildebene, die auch in ihren skulpturalen Arbeiten anzutreffen ist. Hier wird ihre Nähe zum Film besonders deutlich. „Short Story“, „Storytelling“ oder „ShadowTrueness“ hat sie sie tituliert.
Es handelt sich um Arbeiten in eher kleinem Format, wobei sie die Formate wechselt, austestet wie klein man werden kann um etwas erzählen zu können. Die Idee kommt aus der Miniaturmalerei, sie überträgt sie jedoch ins Dreidimensionale, setzt menschliche Figuren und Stühle auf Gipsplatten, die sie an die Wand hängt. Man ist verleitet an Clay-Motion zu denken, eine Animationstechnik, bei der Figuren aus Ton oder Knetgummi geformt und dann im Stop-Motion-Verfahren einzelbildweise animiert werden.
Hat man vor Augen, dass Sibylle Gieselmann früher Zeichnerin für Animationsfilme in den Bereichen Musikvideos und Commercials war, ist der Gedanke vermutlich nicht zu weit hergeholt. Doch in ihren eigenen künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre vertieft sie diesen dramaturgischen Ansatz, zeigt auf subtile und poetische Weise „Augenblicke“ einer Geschichte.  Wohlgemerkt einer Geschichte, die jeder Betrachter zu seiner eigenen machen kann oder soll. „Storytelling“ eben.

Tina Lipsky
Kunsthistorikerin, Secession Wien, 2018

Mein & dein Hemd – Zu den Arbeiten von Sibylle Gieselmann

Meine weißen Hemden, deine rot-weiß gestreiften Hemden; leichte, fliegende Hemden, unförmige, auf dem Boden gelandete Hemden; zwei Hemden für eine Weile, zwei Hemden für den Moment, Hemden am Montag, am Mittwoch, am Freitag – die gemalten Hemden der Künstlerin Sibylle Gieselmann bekommen ein Eigenleben und verändern sich von Bild zu Bild.

Die Interaktionen zwischen den Hemden sind vielfältig. Wie schon in der vorher gemalten Bildserie „Zwischen den Stühlen“ geht es bei Sibylle Gieselmann um sichtbar gemachte Kräftespiele, um Konstellationen in einer Gruppe und deren Wechselbeziehung. Und um die – teilweise heftigen – Emotionen, die dabei im Spiel sind. Bewegung (innere und äußere) mit Farbe auf Leinwand dargestellt.
Manche der Hemden schweben außerhalb von Raum und Zeit vor einem hellgrauen Hintergrund, andere sind irgendwo auf der Erde gelandet – durch die Farbigkeit und Zweiteilung des Bildraumes ist eine unspezifische Landschaft angedeutet.
Das Licht kommt manchmal von der Seite, manchmal von vorne. Das Gemalte setzt unser Sehen voraus, unseren Blick, der die Licht- und Schattenflecken aus unterschiedlichen Farbtönen zusammensetzt, zum Beispiel zu einem weißen Hemd.

Bemerkenswert an den Bildern von Sibylle Gieselmann ist ihre vordergründige Einfachheit, vor allem auch durch die Wahl der Bildsujets, wie Gabeln, Stühle und jetzt Hemden.
Diese einfachen  Alltagsgegenstände machen Themen der Bildgestaltung ebenso erfahrbar und sichtbar wie Fragen nach sozialer Interaktion und Kommunikation.

Brigitta Höpler
Kunsthistorikerin, Wien
Pressetext zur Ausstellung Mein & dein Hemd –  Level_41, 2014